
Pressemitteilung 05.03.2026 - Heidelberger Landwirte haben sich in den vergangenen Monaten an die Stadt gewandt und über Fraßschäden durch Krähen an Saatgut und jungen Kulturpflanzen geklagt. Betroffen seien insbesondere Mais, Zuckerrüben, aber auch Erdbeeren und Kirschen. Der NABU Heidelberg nimmt diese Sorgen ernst, verweist jedoch auf wissenschaftliche Erkenntnisse, die eine differenzierte Bewertung erfordern.
Eine Studie der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) aus dem Kanton Bern aus dem Jahr 2006 zeigt, dass Krähen im Durchschnitt lediglich 0,6 bis 1 Prozent
Ernteverluste bei Mais verursachen. Die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen bleiben damit überschaubar, auch wenn einzelne Betriebe lokal stärker betroffen sein können.

„Es ist wichtig, zwischen subjektiv wahrgenommenen Schäden und belastbaren Zahlen zu unterscheiden“, erklärt Dr. Zvonimir Marelja, Vorstandsmitglied des NABU Heidelberg. „Krähen sind hochintelligente Vögel, ihre geistigen Fähigkeiten werden mit denen von drei- bis fünfjährigen Kindern verglichen. Dass sie neue Nahrungsstrategien entwickeln, ist biologisch erklärbar, aber kein Beleg für außergewöhnlich hohe Schäden.“ (Anmerkung: Bei allen Rabenvögeln, insbesondere bei Kolkraben sind Verhaltensänderungen feststellbar.)

Landwirte berichten, dass Krähen gezielt junge Pflanzen herausziehen, um an im Wurzelbereich haftende Insekten oder Würmer zu gelangen und somit großen Schaden anrichten. Dieses Verhalten unterstreicht vor allem eines: den Mangel an natürlicher Nahrung. Krähen gehören zur Familie der Rabenvögel (Gattung Corvus), zu der auch Elstern und Eichelhäher zählen.
Im Heidelberger Raum kommen sowohl Rabenkrähen als auch Saatkrähen vor. Letztere sind als europäische Vogelart streng geschützt und unterliegen nicht dem Jagdrecht.
Nach starken Bestandsrückgängen um 1900 haben sich die Populationen seit den 1970er-Jahren erholt. Derzeit nehmen die Bestände von Raben- und Saatkrähen gebietsweise zu. Ursachen für
lokale Konzentrationen sind unter anderem ein reiches Nahrungsangebot sowie das Ausweichen in siedlungsnahe Räume, wo natürliche Feinde fehlen.
Klassische Vergrämungsmethoden wie Vogelscheuchen, Flatterbänder oder einzelne akustische Signale zeigen häufig nur kurzfristige Effekte.
In einigen Bundesländern sind zwar auch bestandsmindernde Maßnahmen wie Abschüsse erlaubt, doch in Heidelberg besteht Konsens, zunächst wirksamere und tierschutzgerechte Alternativen zu erproben. Dazu zählen kombinierte akustisch-optische Systeme, gezielte Schreckschüsse sowie moderne Lasertechnologien, bei denen Krähen grünes Laserlicht als physisches Hindernis wahrnehmen und meiden.
Diese Systeme sind allerdings kostenintensiv und nicht überall praktikabel.

Nach einem ersten gemeinsamen Treffen von Landwirten, Stadtverwaltung, NABU und Fachbiologen am 26. November 2025 sowie mehreren Online- und E-Mail-Abstimmungen wurde nun eine erste Maßnahme umgesetzt: Der NABU Heidelberg finanziert zwei Wanderfalken-Nistkästen, die in Zusammenarbeit mit der Stadt Heidelberg von TransnetBW an Hochspannungsmasten in den Bereichen nahe Neurott und der Kurpfalzhöfe gebracht werden.
Wanderfalken sind natürliche Feinde der Krähen und können lokal eine vergrämende Wirkung entfalten. (Anmerkung: Rabenvögel tragen zu ca. 5–7% des Beutespektrums des Wanderfalken bei (Rockenbauch:
der Wanderfalke in Deutschland, Bd. 2, 2002).
„Wir beginnen bewusst mit der natürlichsten Form der Regulierung“, so Marelja. „Allerdings sind Krähen extrem lernfähig. Deshalb braucht es ein flexibles Maßnahmenkonzept mit wechselnden und kombinierten Ansätzen, um Gewöhnungseffekte zu vermeiden.“ Ob die Wanderfalken die Nistkästen noch in diesem Jahr annehmen, ist offen, denn die Balz hat schon lange begonnen, grundsätzlich besteht jedoch ein hoher Bedarf an geeigneten Brutplätzen und das könnte sich auch positiv auf die Population der Wanderfalken auswirken.
Auch TransnetBW sieht das Projekt positiv: „Solche Kooperationen zwischen Landwirtschaft, Naturschutz und Infrastrukturbetreibern schaffen echte Synergien“, erklärt Katrin Wegend, Referentin für Trassenmanagement bei TransnetBW. „Unsere Mitarbeitenden erleben diese Aktionen als sinnstiftend, sie verbinden Artenschutz mit praktischer Verantwortung.“

Der NABU Heidelberg weist zugleich darauf hin, dass die Ursache des Problems nicht bei den Krähen, sondern in der menschlich verursachten Verarmung der Landschaft liegt. Intensive Landwirtschaft, d.h. Pestizideinsatz und Monokulturen reduzieren Insekten, Regenwürmer und Kleinsäuger – zentrale Nahrungsquellen für Krähen und viele andere Vogelarten.
Der daraus resultierende Ausweichdruck in Städte und auf Felder ist ökologisch bedingt, nicht Ausdruck „zu vieler Krähen“.
„Wer Krähenprobleme nachhaltig lösen will, muss Lebensräume reparieren“, betont der NABU Heidelberg.
Dazu gehören Blühstreifen, Hecken und Baumreihen, extensiv bewirtschaftete Flächen, zeitweise Stilllegung von Äckern sowie ein reduzierter Pestizideinsatz. Der dramatische Rückgang der Insekten – die für bis zu 75 Prozent der landwirtschaftlichen Produktionsleistung unverzichtbar sind – gefährdet langfristig nicht nur die Biodiversität, sondern auch die Landwirtschaft selbst.
Dr. Zvonimir Marelja
im Namen des Vorstandes des NABU Heidelberg e.V.
Ansprechpartner bei TransnetBW:
Clemens von Walzel
Teamleiter externe Kommunikation, Marke & Reputation
+49 175 751 4668
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Letzte Aktualisierung: 30.05.2026 (MP)