Mut zur Lücke haben und Geduld

Rodungen im Hirschackerwald zugunsten des Naturschutzes

Maike Petersen, April 2015

Der Hirschackerwald liegt im Norden Schwetzingens und gehört zum Nationalen Naturerbe (NNE). Geologischer Untergrund ist größtenteils Flugsand. Die Binnendünen und Flugsandfelder der Rheinebene sind nach der letzten Eiszeit vor etwa 10.000 bis 11.000 Jahren entstanden. Es ist schwer vorstellbar, aber in der damals steppenartigen Landschaft wurde der Sand kilometerweit verweht und hat bis zu 21 Meter hohe Dünen aufgetürmt!


Über Jahrhunderte hinweg wurde der Hirschackerwald vielfältig und intensiv genutzt: zur Holzentnahme, durch Waldweide und Streunutzung sowie ab 1937 zu militärischen Übungszwecken.

 

Der Hirschackerwald ist Bundeseigentum. In den 1980er Jahren nahm das Bundesforstamt großflächige Kiefern-Aufforstungen auf offenen Sandrasenstandorten vor.

Rodungen - über das aktuelle NABU-Projekt

  • Das Konzept für die Arbeiten im Hirschackerwald erstellte das ILN (Institut für Landschaftsökologie und Naturschutz) Büh.
  • Die Ziele sind, Teile der Sandrasenflächen freizulegen, die einzigartige Artenvielfalt der Sandlebensräume zu erhalten und die kleinen Biotop-Inseln miteinander zu verbinden.
  • Die Gesamtfläche umfasst 2,7 Hektar und verteilt sich auf acht Einzelflächen, die alle kleiner als 0,7 Hektar sind. Alte knorrige Kiefern und Eichen sowie markante Baumgruppen werden bewusst stehen gelassen.

Verbundene Korridore schaffen

Holzstapel im Hirschackerwald. Foto: M. Petersen
Holzstapel im Hirschackerwald. Foto: M. Petersen

Wehende Absperrbänder, Stapel von Kiefernholz, eine große Erntemaschine im Einsatz – all das erwartet man eigentlich nicht in einem Naturschutzgebiet. Im Norden des Hirschackerwalds bot sich Besuchern im Winter 2014 aber genau dieses Bild.

 

Unter der Leitung von Katrin Fritzsch, NABU-Koordinatorin des Projekts Lebensader Oberrhein, fällt der NABU Baden-Württemberg Bäume. Sie führt aus:

Das sieht erst einmal wirklich wüst aus. Aber nur, wenn wir jetzt Lücken im Wald schaffen und offene Sandflächen miteinander vernetzen, können wir unser langfristiges Ziel erreichen: den hier beheimateten bedrohten Tier- und Pflanzenarten einzigartige Lebensräume zurückzugeben.“

Was Sandstrohblume, Sandlaufkäfer, Heidelerche und viele weitere spezialisierte Arten zum Überleben brauchen, sind Sandrasen, weite Heideflächen und lichtdurchflutete Wälder mit alten Bäumen. 

Heute sind im Land nur noch fünf Prozent der Sandrasen von vor 100 Jahren übrig. Das macht klar, wie dringend diese Arbeiten sind. Der Wegfall der Sandrasen spiegelt sich direkt in den Beständen bedrohter Tierarten wider. Noch vor wenigen Jahren haben bei Schwetzingen Heidelerchen gebrütet, jetzt nicht mehr. Das will der NABU ändern.

„Die höchsten Dünen Süddeutschlands kommen in der Kurpfalz vor. Schwetzingen hat eine besondere Verantwortung für den Schutz unzähliger Tier- und Pflanzenarten, die auf diese fast wüstenartigen Sanddünen angewiesen sind.“

Waldarbeiten 2014

Um die Lücken zu schaffen, die die noch vorhandenen offenen Sandflächen wieder miteinander verbinden, fanden im Winter 2014  Waldarbeiten im Zeichen des Naturschutzes statt. Der NABU arbeitete dabei eng mit dem Bundesforst zusammen. Auf acht Teilflächen entfernten rund zehn Arbeiter Kiefern-Stangenholz.

Kampfmittelsondierung. Foto: Folker Fenkel
Kampfmittelsondierung. Foto: Folker Fenkel

Entgegen der ursprünglichen Planung 2014 sollen Stubben und Wurzelwerk jetzt im Boden verbleiben. Der Hirschackerwald wurde während des Zweiten Weltkriegs für kurze Zeit als Übungsplatz für Panzer genutzt. Auch gab es an vielen Stellen in Schwetzingen und Umgebung Bombenabwürfe, auch um den nahe dem Hirschackerwald gelegenen Rangierbahnhof zu zerstören. Theoretisch könnten heute noch Blindgänger im Sandboden liegen.

 

Der NABU geht davon aus, dass sich die wertvolle Sandrasennatur vielfach auch ohne das Entfernen des Wurzelwerks einstellen wird. Seit Anfang März sind die Flächen geräumt.

  • Jetzt gelte es für Naturschützerinnen und Naturschützer, Anwohnerinnen und Anwohner sowohl Mut zur Lücke als auch Geduld zu haben, bis die Natur sich die freien Flächen zurückerobere.
Die gerodeten Flächen im Mai 2015. Foto: Maike Petersen
Die gerodeten Flächen im Mai 2015. Foto: Maike Petersen

 

 

 

 

 

 

Letzte Aktualisierung: 03.06.2015 (MP)

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