Die Biber und das geschundene Paradies

Die schwierige Situation 2015 und die Gründung des AUN

Von Thomas Matuszek

Update des Artikels

Oktober 2016: Zwei Alttiere haben das Sommerhochwasser überlebt, ihre Jungtiere wahrscheinlich nicht. Dafür würde ein anderer kleiner Neckarbiber (links) gerettet. Er lebt inzwischen im Hochschwarzwald bei Frau Bettina Sättele, Bibermanagerin, in ihrer Bibernotaufnahme .

Dezember 2015: Auch trotz der neuen Rodungen sind die Biber noch da und aktiv.

August 2015: einige Exemplare und Fraßspuren wurden wieder gesichtet. Die Biber hatten im Winter zeitweilig ihre Burg verlassen, die in der Zwischenzeit von Nutrias übernommen wurde. Inzwischen ist mindestens ein Pärchen wieder "eingezogen". Gut zu beobachten bei Einbruch der Dämmerung vom gegenüberliegenden Fußweg am Neckar.

Juni 2015: Die Heidelberger Biber sind im Winter 2014/15 abgewandert.

 

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Winter 2014/15: Die Biber sind wieder in Heidelberg! Und sie haben sich das schönste Fleckchen ausgesucht, das die Stadt für wasserliebende und grünzeugnagende Pelztiere zu bieten hat: Die Schwemminseln im Unteren Neckar!

Biber. Wohlgenährt im Weidendickicht – die Zeiten sind erst mal vorbei
Wohlgenährt im Weidendickicht – die Zeiten sind erst mal vorbei

Das Paradies: der Untere Neckar

Dieses 45 Hektar große Naturschutzgebiet ist ein Paradies – nicht nur für Biber. Seltene, streng geschützte Vogelarten wie der Eisvogel, der Nachtreiher oder der Schwarzmilan haben hier eine neue Heimat gefunden. Füchse, Wildschweine, Enten, Gänse, Reiher und Störche fühlen sich hier so wohl wie die zahlreichen Fische im Wasser.

Baustelle im Naturschutzgebiet
Baustelle im Naturschutzgebiet

„Man muss schon an die Loire in Mittelfrankreich fahren, um in Europa noch einen äußerlich derart gut erhaltenen Flusslauf zu sehen“, meint Karl-Friedrich Raqué, Biologe und ehrenamtlicher Naturschutzwart in Heidelberg zu dem Gesamtgebiet Unterer Neckar. In dem wurden bereits 1986 sechs Flächen in der IUCN-Kategorie IV (International Union for Conservation of Nature and Natural Resources) ausgewiesen, das heißt, als Biotop- und Artenschutzgebiete, die höchsten Schutz genießen.

Die Zugezogenen: Biber-Wohngemeinschaften in Wieblingen

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So sieht das Dach einer Biberburg aus

Das scheint die Biberfamilie gewusst zu haben, deren Spuren zum ersten Mal 2012 auf einer der Inseln unterhalb des Wieblinger Wehrs entdeckt und die ein Jahr später leibhaftig gesichtet wurden. Auf Youtube kann man bestaunen, wie biberwohl sich die Vertreter der Art Castor fiber in und am Neckar fühlen. Und wie es sich für Biber gehört, haben sich die neuen Bürger Heidelbergs auf einer der Inseln als Hauptwohnsitz eine stattliche Burg gebaut, mit mehreren Zugangsröhren (deren Eingänge immer unter Wasser liegen). Auf der anderen Insel liegt der Sommerwohnsitz. Dort findet in der warmen Jahreszeit die Kindererziehung statt, beginnend in den Abendstunden, denn Biber sind nachtaktiv und stehen sehr, sehr spät auf, nämlich erst kurz vor dem Dunkelwerden.

Wer Glück hat, kann im Spätsommer die im Frühjahr geborenen kleinen Biber dabei beobachten, wie sie Tauchen und Bäumefällen üben oder ihre großen Geschwister, wie sie miteinander raufen, bevor sie das traute Heim verlassen müssen. Biberkinder bleiben zwei Jahre bei ihren Eltern. Dann werden sie unbarmherzig und manchmal sogar sehr rabiat vor die Burgtür gesetzt und sie müssen sich ein eigenes Revier suchen, irgendwo flussabwärts. Hat sich ein Biberpaar an passender Stelle niedergelassen, bleibt es ein Leben lang dort wohnen, es sei denn, es wird massiv gestört...

Die Zähne sind nicht von Tee und Nikotin gelb, sondern von Eiseneinlagerungen, die sie besonders hart machen.
Die Zähne sind nicht von Tee und Nikotin gelb, sondern von Eiseneinlagerungen, die sie besonders hart machen.

Was weder die Heidelberger Biber noch all die anderen Tiere ahnen konnten – es gibt für Menschen etwas weitaus Bedeutenderes als den Erhalt einzigartiger Landschaften und den Schutz seltener Tiere: trockene Keller!

Radikaler Rückschnitt – gut für den Hochwasserschutz, schlecht für den Biber

Vor wenigen Wochen, im Herbst 2014, ist ein Großteil der Vegetation der beiden Inseln der Kettensäge und dem Kleintraktor zum Opfer gefallen. Für den Hochwasserschutz. Damit die Keller einiger Häuser in der Heidelberger Altstadt bei einem extremen Hochwasser trocken bleiben. Auf Grund einer Jahrzehnte alten Berechnung, nach der sich die Vegetation unterhalb des Wieblinger Wehrs negativ auf den Abfluss des Neckarwassers auswirken soll, wurde das Abholzen auf den Schwemminseln angeordnet.

1995 wurde mit Hilfe eines Pflegeplans versucht, Natur- und Hochwasserschutz in Einklang zu bringen, mit der Folge, dass der Rückschnitt nicht auf einmal, sondern zeitversetzt stattfindet: alle 3,5 und 10 Jahre auf unterschiedlichen Flächen. So weit, so gut.

 

Doch Anwohner, Naturschützer, Jagdpächter und langjährige Kenner des Reviers bestätigen, dass es in all den Jahren, seit Bestehen des Naturschutzgebiets Unterer Neckar, noch nie einen so massiven Eingriff gegeben hat: Auf einem Großteil der Fläche steht buchstäblich kein Halm mehr.

Schwemminsel nach dem Rückschnitt: Im roten Bereich ist die Vegetation vollständig entfernt worden. Quelle: Google Earth.
Schwemminsel nach dem Rückschnitt: Im roten Bereich ist die Vegetation vollständig entfernt worden. Quelle: Google Earth.

Bei früheren Eingriffen wurden lediglich die Weiden auf den Stock gesetzt und das Schnittgut per Boot abtransportiert. Jetzt wurde das Gelände dank der Behelfsbrücke, die zur Baustelle am Wehr führt, mit schwerem Gerät befahren. Die Gewächse, die nicht mit dem Mulcher umgeknickt werden konnten, wurden mit der Kettensäge gefällt und das Schnittgut wurde über das aufgeweichte Gelände bis zur Baustelle am Wehr geschleift. Geblieben ist eine Spur der Verwüstung.

Hier stand vor Kurzem noch undurchdringliches Gebüsch, hauptsächlich aus Weiden. Die wichtigsten Futterplätze der Biber sind der Kettensäge zum Opfer gefallen.
Hier stand vor Kurzem noch undurchdringliches Gebüsch, hauptsächlich aus Weiden. Die wichtigsten Futterplätze der Biber sind der Kettensäge zum Opfer gefallen.

Diese Umsetzung des Pflegeplans berücksichtigt nicht, wie und was Biber fressen

Obwohl eine wesentlich moderatere Ausführung des Pflegeplans hätte durchgesetzt werden können zum Schutze der Biber, die zusammen mit 19 weiteren Säugetierarten den höchsten europäischen Schutzstatus genießen, und folglich auch zum Schutz der anderen Tiere – ganz abgesehen von den seltenen Pflanzen, die dort wachsen, beziehungsweise wuchsen. Denn seit 2014 gibt es auf Grund des vermehrten Aufkommens von Bibern im RP Karlsruhe einen amtlich bestellten Bibermanager, der kraft seines Amtes und seines Auftrags einen wesentlichen Teil der Abholzung hätte verhindern können.


Doch ungeachtet der besonderen Bedingungen in dem Gebiet wurden sämtliche Fressplätze, die in der Nähe der Biberburg lagen, dem Erdboden gleich gemacht. Lediglich in einem Umkreis von 30 Metern um die Burg wurde die Vegetation stehen gelassen. Nur: Dort sucht der Biber nicht nach Nahrung. Denn es ist eine typischen Verhaltensweise des Bibers, dass er mehrere Futterplätze unterhält, wo er sich seinen Nahrungsvorrat holt, den er zu seiner Burg oder – besonders in der kalten Jahreszeit – zu einem so genannten Futterfloß transportiert. Das ist ein Geflecht, das er im Wasser in der Nähe seiner Burg hauptsächlich aus Weidenzweigen anlegt, dem Hauptnahrungsmittel der Heidelberger Biber. So bleiben die Zweige frisch und er hat es, wennʻs kalt ist und die Kraftreserven geschont werden müssen, nicht weit bis zum Futter.

Bäume brauchen die Biber nicht nur als Nahrungsquelle sondern auch, um ihre Zähne zu wetzen, die kontinuierlich nachwachsen
Bäume brauchen die Biber nicht nur als Nahrungsquelle sondern auch, um ihre Zähne zu wetzen, die kontinuierlich nachwachsen

Logischerweise holt sich der Biber die Nahrung ausschließlich an dem von der Burg flussaufwärts gelegenen Ufern, damit er kräftesparend die Zweige mit der Strömung transportieren kann.


Doch nach dem Radikalschlag gibt es auf den Schwemminseln keine einzige Weide mehr oberhalb der Biberburg, am so genannten Kraftwerkskanal, dort, wo die wichtigsten Futterplätze des Bibers waren.

Nennenswerte Weiden gibt es nur noch flussabwärts.


Doch es ist unwahrscheinlich, dass ein Biber es schafft, die schweren Zweige – vor allem bei Hochwasser – gegen die Strömung bis zu seiner Burg zu transportieren. Selbst wenn er es schaffen würde: Es würde seine Kraftreserven, die er für die eigene Warmhaltung und die seines Nachwuchses im Winter dringend benötigt, schnell aufbrauchen.

Banges Warten auf das Frühjahr

Ganz abgesehen davon gibt es inzwischen kein Grün mehr an den Bäumen und Büschen. Die Weiden sind gefällt worden, bevor die Biber ihren dringend benötigten Wintervorrat anlegen konnten. Dazu meint der Bibermanager ungeachtet der Tatsache, dass die Biber erst einmal über den Winter kommen müssen: „Der Rückschnitt der Weiden schadet dem Biber überhaupt nicht. Im Gegenteil: Er freut sich über das frische Grün im Frühjahr, wenn sie wieder austreiben.“ Normalerweise würden die Biber diese Triebe verschmähen, da Weiden und einige andere Pflanzen, die geschnitten wurden, Bitterstoffe entwickeln, die sie vor Tierverbiss schützen.


Doch hoffentlich gibt es im kommenden Frühjahr überhaupt noch Biber im ehemaligen Paradies am Unteren Neckar, die sich an – wenn auch bitteren – Weidentrieben erfreuen können. 

Karl-Friedrich Raqué erklärt das NSG. Foto: Maike Petersen
Karl-Friedrich Raqué erklärt das NSG

NABU-Exkursion in das NSG am 29.03.2015

 

Auf unserer März-Exkursion mit Karl-Friedrich Raqué und 'Natürlich Heidelberg' in das Naturschutzgebiet Unterer Neckar sowie bei weiteren Erkundungen in diesem Frühling haben wir keine Hinweise auf Biber finden könnnen. Wir denken, sie sind abgewandert.

Gründung des "Aktionsbündnisses Unterer Neckar"

Am 12. Februar 2015 trafen sich erstmals Mitglieder des NABUs, des BUNDs und engagierte Heidelberger, um sich für die Naturschutzgebiete entlang des Unteren Neckars einzusetzen. Ziele des Bündnisses sind, ein ortsübergreifendes kooperatives Netzwerk zu bilden, einen optimalen Informationsfluss sicherzustellen und die Kräfte zu bündeln. Vertreten sind Heidelberg, Mannheim, Ilvesheim und Ladenburg.

 

Naturschutz und Hochwasserschutz müssen nachhaltig und maßvoll vereinbar sein.


Die Koordination und Sprecherfunktion übernimmt Thomas Matuszek. Maike Petersen, NABU Heidelberg, wird dazu als Informationsplattform eine Homepage erstellen.


Sehen Sie den Hauptbeitrag hier.

Schwemminsel, vom Wehrsteg aus gesehen. Abbruchkanten sind wertvoll für Bruthöhlen von Eisvögeln. Foto: Maike Petersen
Schwemminsel, vom Wehrsteg aus gesehen. Abbruchkanten sind wertvoll für Bruthöhlen von Eisvögeln

Auch von Thomas Matuszek, Heidelberg:

Biber-Blues

"Die Biberband macht Musik, nicht nur für Kinder – zeitgemäß, frisch und frech."

Den Biber-Blues und 9 weitere Lieder um den Biber gibt es auf der CD „Wir sind Biber" bei Zabbermusic.de

Biberblues
04 Biberblues.m4a.mp4
MP3 Audio Datei 3.4 MB

 

 

 

 

Letzte Aktualisierung: 01.04.2017 (MP)

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