Eine Geschichte über Faszination und Leidenschaft

Die Aufzucht von Mauerseglern im eigenen Zuhause

Text und Fotos von Birgit Biemann und Maike Petersen

Der Juli 2015 hatte sehr heiße, trockene Phasen und einige starkwindige Unwetter. Viele Mauersegler bekamen bei der Brut Probleme: Geschwächte und noch nicht flugfähige Jungtiere wurden zu früh außerhalb des Nestes gefunden. Manchmal sprangen sie selbst, um der tödlichen Hitze zu entgehen. Die Mauerseglerklinik in Frankfurt nahm zeitweilig keine Neuzugänge mehr an. In dieser Notsituation brauchten die Vögel Hilfe – Menschen mit Mut, Geduld und der Fähigkeit, über ihren eigenen Schatten zu springen – wie Birgit Biemann.

Mauersegler auf Hand
Der erste: Adonis

Aufwand und benötigtes Wissen nicht unterschätzen

Die Aufzucht von Mauerseglern ist fast ein 24-Stunden-Job! Entscheidet man sich für diese verantwortungsvolle Aufgabe, sollte man möglichst genau wissen, was damit auf einen zukommt. Zunächst braucht man viel neues Wissen. Am besten, man lässt sich mit dem Tier einlernen oder hat zumindest die Rund-um-die-Uhr-Möglichkeit, eine erfahrene Hilfe ans Telefon zu bekommen. Und selbst dann bleiben noch viele Fragen offen, denn jedes Tier reagiert anders oder muss speziell versorgt werden. Dazu braucht man viel Einfühlungsvermögen. Auch müssen in Windeseile eine Menge spezielles Futter und Ausrüstung besorgt werden.

Der Lohn für die wochenlange Pflege und die radikale Umstellung des eigenen Lebens sind faszinierende Einblicke und Erfahrungen mit den Tieren: ihre Schönheit, ihre Instinkte, ihre andersartigen Wahrnehmungen und ihre ausgesprochene Individualität. Fliegen sie dann tatsächlich, ist das ein Gefühl des tiefen Glücks.

Eine Frau vom NABU hat diesen Sommer zum ersten Mal fünf Mauersegler aufgezogen und eine intensive mehrwöchige Zeit mit diesen außergewöhnlichen Tieren verlebt.

Mein Juli mit Mauerseglern - von Freiheitsdrang und Fütterfrust

Von Birgit Biemann

 


Mein erster Mauersegler wurde von Nachbarn gebracht. Habe ihn Adonis getauft, weil er so schön war. Er ist – wie viele andere Segler zu dieser Jahreszeit auch – noch nicht flügge aus dem Nest gesprungen, um dem Hitzetod zu entfliehen.

Zunächst bekam er etwas Wasser an den Schnabel. Wachsmottenlarven wollte er nicht. Oder er konnte sie noch nicht von der stumpfen Pinzette fressen. Was sollte ich tun? Durch einen Anruf bei der Mauerseglerklinik in Frankfurt erfuhr ich leider, dass sie gerade einen Aufnahmestopp hatten. Mir war klar, ich musste mich nun selbst um das Tier kümmern.

Rat, Heimchen und Drohnen bekam ich von Christine, einer erfahrenen NABU-Frau aus Mannheim. Für mich ein Mauersegler-Engel! Sie zeigte mir geduldig und ausführlich, was man wann und wie man füttern soll. Jederzeit konnte ich sie um Rat fragen… Sie selbst hatte zu der Zeit 11 Mauersegler und 3 Schwalben!

Füttern lernen

Mauerseglerfütterung
Viel Einfühlungsvermögen bei der Fütterung

Mir war vorher nicht klar, dass ich ab jetzt alle zwei Stunden füttern muss, beispielsweise mit Heimchen, Drohnen und Pinkimaden. Drohnen sind männliche Bienen, für die Imker keine Verwendung haben. Also, Heimchen kaufen und noch krabbelnd tiefkühlen – ja, lebend einfrieren – mir wurde ganz mulmig. Die Worte meines Vaters (ein Luis-Trenker- Fan) fielen mir ein: Der Kältetod ist der schönste Tod! O.K., ab in die die Gefriertruhe.

 

Das gleiche kann man auch zur Vorratshaltung mit den Drohnen machen, aber Achtung: Sie verflüssigen sich aufgetaut sehr schnell. Pinkimaden müssen unbedingt vorher eingefroren oder getötet werden: Sie können sich sonst durch die Magenwand des Vogels fressen. Bei den Heimchen muss man vor dem Verfüttern im steifgefrorenen Zustand den Kopf, die Beine, die Flügel und den Legestachel entfernen. Brrrrr. Die „geschälten” Heimchen und die Drohnen werden dann noch mit heißem Wasser überbrüht. Hierbei wird die Oberfläche gesäubert, die thermolabilen Vitamine im Inneren bleiben aber erhalten. Leicht angewärmt mochten die Mauersegler die Heimchen lieber.

Mauersegler müssen "gestopft" werden

Mauersegler fressen nicht einfach, wenn man ihnen etwas an den Schnabel hält, sie müssen richtig „gestopft“ werden. Das soll man sich unbedingt von einem Fachmann, in meinem Fall einer Fachfrau, zeigen lassen. Diese Art der Fütterung war eine echte Überwindung für mich. Ich habe mich einfach nicht getraut, so energisch vorzugehen. Mein Mann feuerte mich an und ermutigte mich. Ich glaube, dass nicht jeder in der Lage ist, einen Mauersegler so zu füttern.

Beruhigung nach der Fütterung
Beruhigendes Streicheln mochten die Segler

Zwei Tage später kam der nächste Mauersegler. Er war anfangs sehr unruhig und hatte ständig die Nähe zu Adonis gesucht: gegenseitiges Putzen – bei-, über- und untereinander Liegen – Schutz und Sicherheit als heilende Erfahrung. Nach einigen Tagen wurde er ruhiger. Die Mauersegler schienen es zu mögen, nach den Mahlzeiten an der Kehle mit sanft abwärtsstreichenden Bewegungen gestreichelt zu werden. Sie beruhigten sich und schlossen die Augen.

Hygiene ist sehr wichtig! Das Gefieder sollte peinlich sauber bleiben und weder verkoten, noch von der Nahrung verkleben. Die Küchentücher in meiner Aufzuchtskiste mussten bei jeder Verschmutzung gewechselt werden. Vor der Fütterung und nach jedem Vogel wusch ich mir die Hände, um sie sauber zu halten und von Schweiß und Fett zu befreien. Nach der Fütterung kontrollierte ich das Gefieder und reinigte es mit einem feuchten Küchentuch. Die Fütterungs-Pinzette wurde mit kochendem Wasser desinfiziert. Auch habe ich regelmäßig gewogen und die Daten protokolliert.

Mauersegler auf Hand
Die Kleene

Dann kamen der Dicke und die Kleene dazu. Eine Freude, den Dicken zu füttern, der schon den Schnabel öffnete, wenn man in seine Nähe kam. Die Kleene war eher ruhig und so süß. Sie kuschelte gerne mit den anderen und putzte ihnen eifrig das Gefieder.

Als Letzter kam Tom und ich hatte fünf. Er war vorher von einem netten Mann gepflegt worden, dessen Enkel ihm den Namen Thomas gegeben hat. Tom wirkte angespannt, getrieben. Er spuckte alles wieder aus. Sein Rachen war rot entzündet. Er war mit einem in Desinfektionsmittel getauchten Fingerling gefüttert worden – nach Lehrbuch bzw. Anweisung der Mauerseglerklinik ( vielleicht war es ein anderes Mittel) – schien es aber nicht vertragen zu haben. Die Lösung waren Arnika D4 und Calendula Salbe, um die Entzündung oder Allergie zu behandeln, und nur überbrühte Drohnen. Rohe Drohnen sind fast flüssig. Die Gefahr besteht, dass sich der Vogel verschluckt, also mit Geduld füttern und nur kleinste Mengen.

Das häufige Füttern brachte mich in der Anfangszeit an meine Grenzen, ich bekam Schweißausbrüche dabei. Ich musste aber weitermachen, denn die Mauerseglerklinik blieb auch weiterhin überlastet und hatte Aufnahmestopp.


Die Geduld lohnte sich, denn tatsächlich lernten die Mauersegler mit der Zeit, direkt von der stumpfen Pinzette zu fressen.

Wenn die Zeit zum Fliegen kommt

Mauersegler hören mit dem Fressen auf, wenn die Zeit des Ausfliegens naht. Dann sind in der Regel die weißen Spulen an den Flügelunterseiten nicht mehr zu sehen und die Flügel selbst stehen mehrere Zentimeter über den Schwanz. Tom hatte noch drei der Spulen. Er war rappeldünn und wog nur 36 g. Das Abfluggewicht sollte möglichst 40 g betragen. Trotzdem nahm er eher noch ab. Er wollte einfach los und übte jeden Tag Fliegen im Kasten. Ich brachte ihn dann in mein Schlafzimmer und verhängte die Fensterscheiben. Na ja, der Flügelschlag könnte kräftiger sein. Nach einigen Tagen war endlich die Rötung im Rachen zurückgegangen und er hatte nur noch eine halbe Spule. Er wollte und sollte nun fliegen! Zusammen mit Christine fuhr ich ihn nach einer Woche Aufenthalt bei mir zu einem abgeernteten Feld. Ginge etwas schief, würden wir ihn da schnell wiederfinden.

Schneller Gruppenanschluss

Am Himmel sahen wir vier Mauersegler, also los. Segler lässt man am besten aus der hochgestreckten Hand starten. Kaum saß er dort oben, war er schon weg, und gewann mit kräftigen Flügelschlägen an Höhe. Auf einmal waren 20 Mauersegler um ihn herum, die ihn in ihre Gruppe aufnahmen. Unglaublich, wo kamen die nur so schnell her? Können sich Mauersegler über so große Entfernung verständigen? Wie wissen, hören und sehen sie?

Der Dicke war ein ruhiger Pol in der Mauerseglergruppe. Er war von Anfang an ruhig und ausgeglichen. Konnte gut von der Pinzette fressen und schaute mich (erwartungsvoll?) an. Dann signalisierte er, dass er bald zum Ausfliegen bereit ist, indem er nicht mehr fraß. Er wusste, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Von der Gaube unseres Hauses ging´s los… Schwupp, weg war er mit kräftigem Flügelschlag. Erst waren drei, dann fünf Mauersegler um ihn herum.

Adonis, mein erster, war zwei Tage später auch fast soweit. Er mochte nicht mehr fressen. Hatte noch eine Spule. Flugübungen wollte er nicht machen. Er saß gemütlich auf meiner Hand und beobachtete mit Argusaugen eine Stubenfliege. Da mir der Arm erlahmte, setzte ich ihn auf mein Knie und legte mich hin. Nach weiteren zwei Tagen war es soweit. Auch Adonis durfte fliegen. Er konnte es auch inzwischen. Landete im „Flugübungszimmer“ sicher an der Gardine.

10mal bin ich mit ihm ins obere Stockwerk gestiegen. Leichtfüßig wie ein junges Reh lief ich die Treppen auf und ab – wo waren meine Knieprobleme? Er saß dabei ruhig auf meiner Hand und schaute nach Fliegen. Dann war es so weit. Ich entließ auch ihn durch das Gaubenfenster. Er flog, sackte etwas ab, um dann wieder höher zu kommen. Sofort waren fünf Mauersegler um ihn herum! Ich freute mich grenzenlos.

Dann war auch mein zweiter dran. Alles super, auch er wurde von mehreren Mauerseglern aufgenommen. Abends flogen 15 Mauersegler über unser Haus hinweg. Ich sah genau hin – hallo, zeigt euch doch mal! Seid ihr Beiden auch dabei?

Da jetzt nur noch die Kleene alleine übrigblieb, haben wir sie zu einer Dame gebracht, die noch weitere Segler in ihrem Alter betreut. Beim Ausflug möchte ich aber dabeisein!

Mauersegler sind für mich etwas ganz Besonderes: diese Augen und wie sie einen ansehen. Der Blick wirkt beseelt, sie beobachten alles ganz genau. Man sieht Angst in ihren Augen, aber auch Neugier. Mauersegler scheinen eine unglaubliche Wahrnehmung zu haben, von der wir Menschen nur träumen können!

Was man alles mindestens braucht:

  • jede Menge Wegwerf-Wischtücher
  • hohen Karton oder Kiste
  • stumpfe Pinzette
  • Pipette für Wasser oder flüssige Drohnen (aufgetaut werden sie flüssig), Achtung: nur ganz wenig geben, Verschluckgefahr!!
  • Wasserkocher zum Desinfizieren der Fütterungsschalen und –werkzeuge; ich rate von Desinfektionsmitteln ab, zerstören Mund, Rachen und die Darmflora, reizen die Rachenschleimhaut; lieber sterilisieren durch Abkochen
  • Briefwaage, Protokolle
  • Einen sicheren großen Raum zum Fliegenüben
  • Vitamin-B-Komplex (beim Tierarzt) und Korvimin, ein Mineralienpräparat

Futter:

  • Heimchen, große und mittlere (Zoohandlung)
  • Drohnen, männliche Bienenlarven, die der Imker nicht benötigt (dort anfragen)
  • Pinkimaden, weiß (Zoohandlung)
  • Nur im Notfall den Vögeln mit einer Pipette Wasser geben, sie brauchen sonst kein Extra-Wasser


  • Die NABU-Gruppen Mannheim und Heidelberg reagierten auf die diesjährige Situation 2015 und haben die Mauerseglerhilfe Rhein-Neckar gegründet, ein verbandsübergreifendes Netzwerk.
  • Ziel ist, neben der Mauerseglerklinik eine weitere kompetente Anlaufstelle anzubieten.

 

 

 

 

 

 

Letzte Aktualisierung: 30.04.2016 (MP)

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